Historisches

Die Geschichte endet nicht mit uns.

Die Geschichte des Bad Salzunger Motettenchors

Die Geschichte des Bad Salzunger Motettenchors

Der Motettenchor Bad Salzungen / Dermbach wurde 1974 vom damaligen Kantor zu Bad Salzungen Klaus Schmidt als überregionaler Kammerchor ins Leben gerufen, um einerseits die a-capella Literatur zu pflegen und andererseits die Bad Salzunger Kantorei bei ihren jährlichen Oratorienaufführungen zu verstärken.

In seinem 50-jährigen Bestehen kann der Chor auf zahlreiche Konzerte und Geistliche Abendmusiken zurückblicken, die ausnahmslos im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach stattfinden.

Die Kantoren von (Bad) Salzungen

  • Matthias Schildknecht

    wirkte von 1637 bis 1649

  • Johann Nicolaus Meder

    (? - 1701), wirkte 1670

  • Johann Ludwig Bach

    (1677 - 1731), wirkte von 1693 bis 1699

  • Johann Christoph Hofmann

    (1669 - 1741), wirkte von 1706 bis 1739

  • Johann Georg Müller

    wirkte 1741

  • Georg Adam Rose

    wirkte von 1752 bis 1762

  • Just Friedrich Roth

    (1749 - 1791), wirkte 1783

  • Johann Nicolaus Motz

    (1770 - 1817), wirkte von 1796 bis 1811

  • Kolbe

    wirkte 1820

  • Johann Andreas Leyh

    (1786 - 1830), wirkte von 1814 bis 1830

  • Christian Imanuel Motz

    wirkte von 1832 bis 1840

  • Georg Gottlieb Oppel

    (1808 - 1851), wirkte von 1840 bis 1850

  • Bernhard Müller

    (1824 - 1883), wirkte von 1851 bis 1883, KMD seit 1861

  • Christian Mühlfeld

    (1849 - 1932), wirkte von 1884 bis 1906, KMD seit 1885

  • Julius Meininger

    (1875 - 1953), wirkte von 1906 bis 1946, KMD seit 1907

  • Schwester Ida Rimkus

    wirkte von 1947 bis 1949

  • Erich Unbehaun

    (1901 - 1988), wirkte von 1949 bis 1953

  • Wolfgang Denner

    (1932 - ?), wirkte von 1953 bis 1956

  • Johann Georg Geuther

    (1930 - ?), wirkte von 1956 bis 1959

  • Friedrich Hönsch

    (1938 - 2001), wirkte von 1960 bis 1961

  • Bernd Gannott

    (1939), wirkte von 1962 bis 1966

  • Klaus Schmidt

    (1943 - 2023), wirkte von 1966 bis 2006, KMD seit 1984

  • Hartmut Meinhardt

    (1976), wirkt seit 2007

„Wohllaut, Fülle und Reinheit des Tones mit Präcision gepaart…“ Der Salzunger Kirchenchor als erster Missionar für die ‚Meininger Prinzipien‘

von Herta Müller­­­­

Am 21. November des Jahres 1860 wurde im Meininger Tageblatt, vermutlich zum ersten Mal überhaupt, ein  S a l z u n g e r  Kirchenkonzert besprochen. Was in dieser sehr sachkundigen Besprechung geschrieben stand, ließ aufhorchen: Wer neulich das leise Anklingen (z. B. in dem „O bone Jesu“), das wie im Hauch hinsterbende Verklingen gehört hat, wird uns darin beistimmen… Wohllaut, Fülle und Reinheit des Tones sind mit einer Präcision gepaart, die namentlich in dem rhythmisch so schwierigen Kyrie von Palästrina und in der fünfstimmigen Bach’schen Motette große Anerkennung verdiente. Man fühlt eben, dass alle Mitwirkenden mit wahrer Hingebung bei der Sache sind, dass es ihnen rechter Ernst um die edle Kunst ist, in deren Ausübung eine geschickte Hand sie trefflich leitet.  Und zehn Tage später hieß es an gleicher Stelle: Der Gesang der Salzunger ist wirklich etwas Seltenes, er ist in seiner Weise vollkommen zu nennen.

Auf solche Weise neugierig gemacht und in hohe Erwartung versetzt, strömten denn auch zum ersten Konzert der ‚Salzunger‘ in der Meininger Stadtkirche am 12. Dezember 1860 reichlich 2000 Menschen, darunter die Hildburghäuser Lehrerseminaristen wie auch die vom Erbprinz Georg mobilisierten Lehrer, Schüler und Geistlichen aus allen umliegenden Orten. Zu Gunsten der Armen erklangen Werke aus 6 Jahrhunderten, vom „Laudesi“ aus dem 14. bis zu Mendelssohns „Hymne“ aus dem 19. Jahrhundert.

Zwei Tage nach diesem Konzert schrieb der Rezensent des Meininger Tageblatts: Wir erwarteten einen  K u n s t g e n u ß, fanden aber bei weitem mehr – wir fanden eine  H e r z e n s e r q u i c k u n g, eine  G e i s t e s e r h e b u n g, eine Seelen-Veredlung und –Stärkung. Mit diesem Konzert war also in der Residenzstadt und im Herzogtum Sachsen-Meiningen offenbar etwas Besonderes, etwas bisher nicht Erlebtes vor sich gegangen, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass man sich innerhalb des Chores sehr bald darüber einig war, diesen 12. Dezember 1860 zum Gründungsdatum für den Salzunger Kirchenchor zu erklären. Wußte man nicht oder leugnete man leichtfertig die Tatsache, dass es spätestens seit 1635 einen Kirchenchor und Kantoren an der Salzunger Kirche gegeben hatte? Was war geschehen? Auf der Suche nach einer schlüssigen Antwort sollen zunächst die kirchenmusikalischen Verhältnisse vor 1850 etwas beleuchtet werden.

            Vor der Reformation oblag den  K l ö s t e r n  die musikalische Ausbildung und Pflege der Kirchenmusik. Nach der Reformation wurde diese Aufgabe in den protestantischen Ländern von den Lateinschulen übernommen. Sie waren kirchliche Bildungseinrichtungen. Dem Kantor, der zugleich auch ein Lehreramt inne hatte, standen der Schulchor für die Figuralmusik, d. h. für die anspruchsvolle, zunächst  unbegleitete Vokalmusik zur Verfügung und später für instrumentale Begleitungen die Stadt- oder Ratsmusiker, auch Stadtpfeifereien genannt. Somit lagen schulische und kirchenmusikalische Pflichten für Lehrende und Lernende in einer Hand. Sogenannte Konsistorien überwachten dieses Schulwesen im Auftrag der Landesherrschaft.

Vom ausgehenden 17. Jh. an wurde die  K a n t a t e  zur musikalischen Hauptform im Gottesdienst, weil sie Choralgesang (für die Gemeinde), Kunst- und Sologesang, instrumentale Begleitung sowie eigene Instrumentalpartien in sich vereinte. Will sagen, diese musikalische Form entsprach den organisatorischen Strukturen in den Kirchen. Musik und Liturgie bildeten eine miteinander verwobene Einheit. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts blieb – kirchenmusikalisch gesehen – diese heile Welt, damit auch die Einheit von Kirche und Schule, so erhalten, wie sie die Weimarsche Kirchenordnung vom Jahre 1664 vorschrieb. Wenn des Sonntags in die Kirche zu läuten angefangen wird, sollen sich die Schulknaben in der Schule versammeln, auch zu solcher Zeit sich einer von den Praeceptoren, welcher unter ihnen… herumgehen soll, dahin begeben, damit aller Mutwille und Unordnung vermieden werde. Wann man nun anfängt, auszuläuten, sollen die sämtlichen Praeceptores, so sich mittler Zeit in der Schule auch einfinden werden, neben den Schülern sich fein ordentlich und ohne großes Gepolter in die Kirche auf das Singchor verfügen, da dann zum Introitu das Veni Sancte Spiritus und darauf in den Städten das Kyrie in die Orgel musicieret und ein Stück figuraliter gesungen werden.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts griff – durch die Aufklärung ausgelöst – die Säkularisierung um sich. Sie war nicht das Ergebnis von politisch diktierten Zwangsmaßnahmen. Sie war das Ergebnis epochaler, philosophischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Umwälzungen in Europa, die auch den kleinsten Zipfel deutscher Kleinstaaterei erreichten. Dieser neue Geist machte vor den Kirchen nicht halt. Noch für Johann Sebastian Bach war es unvorstellbar, für die Kirche eine andere Musik als die allein zum Lobe Gottes geschaffene zu erdenken. Er und seine Zeitgenossen waren in einem Glauben erzogen, der unkritisch, devot seinen Gott anbetete und durch Opfer dessen Gnade zu erlangen suchte. Die Musik, die als Opfer zum Lobe Gottes dargebracht wurde, hatte den Anspruch, seiner nicht unwürdig zu sein, d. h., sie konnte nicht kunstvoll genug sein. Ihre Ausdrucksform war die Polyphonie, d. h. der Zusammenklang mehrerer gleichberechtigter Stimmen, der durch den Komponisten nach strengen, komplizierten Kontrapunktgesetzen zu organisieren war. Das war die Musiksprache des Barock und J. S. Bachs.

Die bürgerliche Gesinnung des 18. Jh. verstand die Kirchenmusik auf  die Gemeinde bezogen; sie wollte die Gemeinde auch durch Musik zur Andacht und zum Glauben erheben. Die erbauliche und erhebende Wirkung von Musik auf den Menschen wurde nicht nur in der vokal gebundenen, sondern auch in der reinen Instrumentalmusik gesehen. Beethoven schuf in seinen Sinfonien die großen Seelendramen. Er schrieb Ideenmusik, also Musik, die eine große Idee zum Inhalt hat, keine Programmusik.

Die Musiksprache, welche die Gemeindeglieder erreichen sollte, mußte eine entsprechend verständliche sein. Winckelmanns Formel von der „e d l e n  Einfalt und stillen G r ö ß e“ umschrieb dies treffend. Diese Musiksprache orientierte sich am Volkslied, an der akkordbegleiteten Melodie. Das war die Musiksprache der Klassik.

Die Kirche konnte sich zwar diesem bürgerlichen Geist nicht verschließen, aber sie konnte auch keine zentrale bürgerliche Institution werden.  Ohnmächtig mußte sie zusehen, wie die institutionelle Grundlage für die Kirchenmusik aufgeweicht und schließlich aufgelöst wurde. Die neuen Ausbildungsfelder bürgerlicher Schulen, wie der Gymnasien, in deren Mittelpunkt die Naturwissenschaften rückten, lösten die Lateinschulen ab und damit auch deren hohes Niveau musikalischer Ausbildung. Immer klarer wurde die Trennung von Staat und Kirche, also auch von Kirchen- und Schulamt, von Kantor und Lehrer wirksam. Schließlich sah man auch die kirchlichen Dienste der Schüler als lästig an und schaffte sie ab. Damit entfiel der Chor als tragendes ausführendes Organ der Kirchenmusik. Niveauverlust in der geistlichen Vokalmusikpflege war die Folge.

Aus dem bisher Gesagten soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, als sei dieser Prozeß nur den protestantischen Ländern vorbehalten geblieben. Der Einzug mißverstandenen Bürgergeistes in die Kirche brachte auch in den katholischen Glaubensgebieten seltsamste Blüten hervor, in Italien z. B., wo der Meininger Erbprinz Georg eine Prozession erlebte, während der Gebetsworte auf Musik aus der Oper Rigoletto gesungen wurden. Aber solche Verhältnisse anderswo trösteten ihn nicht über die Zustände in seinem Lande hinweg. An Bernhard Müller schrieb er am 21. Februar 1861, dass der schauerlichen Unsitte, bei Festtagen erbärmliche Streichmusik in der Kirche ertönen zu lassen, mit Macht entgegen gearbeitet werden müßte.

Die hier skizzierte allgemeine Entwicklung spiegelte sich auch in unserer Region wider. Salzungen z. B. hatte eine Lateinschule, an welcher übrigens der Verwandte Johann Sebastian Bachs und spätere Meininger Hofkapellmeister Johann Ludwig Bach seine erste Anstellung als Tertius erhielt. Schulen dieser Art haben sich mit der Thomasschule in Leipzig und der Kreuzschule in Dresden bei uns bis heute erhalten.

Salzungen hatte auch eine Stadtpfeiferei, die von 1851 an von Leonhardt Mühlfeld geleitet wurde. Sein Sohn Richard sollte wenige Jahrzehnte später der berühmte Klarinettist und Brahms-Freund, ein weiterer Sohn, Christian, 1884 der Leiter des Salzunger Kirchenchores werden.

In Salzungen blieb bis zur Auflösung der Lateinschule im Jahre 1840 das Kantorat mit der Stelle des Tertius sowie das Organistenamt mit der Mädchenlehrerstelle verbunden. Allerdings waren Lehrer, die nun staatlich entlohnt wurden, auch nach 1840 zu den Kirchendiensten verpflichtet. Dafür erhielten sie die sogenannten kirchlichen Wöchnerei-Accidentien. Mehr und mehr versuchten sie jedoch, sich dieser Auflage zu entledigen, zumal die Besoldung für die Kirchendienste immer spärlicher floß und ihre musikalische Ausbildung den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Der Kantor konnte aber die anfallenden Dienste nicht allein bewältigen, da ja zu jener Zeit mehrmals unter der Woche Gottesdienste mit Musik abgehalten wurden. So übertrug man ihm die musikalischen Dienste an den Sonn- und Feiertagen, sowie zu Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, während die Lehrer die Wochendienste zu leisten hatten. Auf diese Weise waren Konflikte zwischen Kantor und Lehrern bezüglich der Chorerziehung, war auch der zunehmende Qualitätsverlust im Kirchengesang programmiert. Der reine, d. h. unbegleitete a-cappella-Gesang, so wie ihn die großen italienischen Renaissance- und Barockmeister, wie Palästrina oder J. S. Bach komponiert und gepflegt haben, war von den Chören schon längst nicht mehr zu bewältigen. Deshalb mußten neue, anspruchslosere Kompositionen geschaffen werden, die noch dazu dem immer seichter werdenden Geschmack der Kirchenbesucher angepaßt wurden.

Andererseits versuchte man, den Gesang durch Instrumentalmusik zu ersetzen. So bildeten sich die sogenannten Adjuvanten- bzw. Adstantenchöre. Da es auch für sie keine Möglichkeiten gediegener Ausbildung gab, führte die Entwicklung dann bald zu jenen Ergebnissen, die der Erbprinz im Jahre 1861 so treffend charakterisiert hat.

Über die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in unserer Region entstandene Situation berichten Zeitgenossen sehr anschaulich. Schon 1811 konnte man im Vorwort zu einem vierstimmigen Gothaer Choralbuch lesen: Daß Kirchenmusiken, in deren Gehalt und Ausdruck jene Erhabenheit und Würde der Religion wenig oder gar nicht berücksichtigt ist, und die auch noch, wie es besonders auf dem Lande der Fall ist, schlecht aufgeführt werden, die Andacht mehr stören als befördern… Man sollte… nur solche Kompositionen aufführen, die innern Wert haben, und nicht solche, welche nur in Absicht des geistlichen Textes verraten, daß sie für die Kirche bestimmt sind, sich aber übrigens über unsere gemeinsten komischen Operetten, Tänze, Märsche usw. gar nicht erheben und den Empfindungen der Andacht ganz entgegen gesetzt sind.

Die Schulämter und Konsistorien versuchten, die Verhältnisse durch Verordnungen zu bessern, jedoch blieben alle Versuche im Sande stecken. Im Jahre 1840 klagte der Saalfelder Kantor seinem Konsistorium: Da hört man an heiliger Stätte oft so unheilige Töne, daß man nur wünschen kann, es würde besser gar keine Musik daselbst aufgeführt. Bald wird eine, die Kräfte der Exekutierenden weit übersteigende Komposition mit vielem Schweiß heruntergearbeitet, daß es einem grauen möchte, unrein, durcheinander, ohne Takt und Seele, ohne Ordnung. Man möchte drein springen. Bald hört man Töne, die wohl zum Tanzen, aber nicht zum Beten auffordern; es wird geschmettert, getrommelt wie auf der Wachtparade, alles im lieben Gotteshaus.

Auch Christian Mühlfeld (1849-1932) – wohlgemerkt: er ist Jahrgang 1849 – hat diese Zustände als Knabe bewußt erlebt, als er in einem Kirchweih-Gottesdienst in Gumpelstadt als Fagottist mitwirkte. Später schrieb er darüber: Die herrlichen, mit Begleitung des Orchesters geschriebenen Cantaten Bachs fanden Beifall und Nachahmung. Da sie aber der Schwierigkeit halber nicht überall aufgeführt werden konnten, so wurden von Berufenen und Unberufenen ähnliche, leichtere Stücke geschrieben und von den in Städten und Dörfern weit verbreiteten Adjuvanten-Chören, besonders in Thüringen und Sachsen als „Kirchenmusiken“ zur Aufführung gebracht. Zur Erbauung der Andächtigen konnten diese… nun freilich selten dienen, weil gewöhnlich der Spektakel, das Schmettern der Trompeten usw. die Hauptsache war. Die Sänger bemühten sich selbstverständlich, das „Orchester“ noch zu übertönen, wodurch dann mitunter eine wahre Höllenmusik entstand. Weil die Sänger, darunter Knaben und Mädchen, in der Regel die Noten und ihre Werte nicht kannten und alles nach dem Gehör eingeübt werden mußte, weil ferner die ungeübten Instrumentalisten ihre Instrumente nicht selten nur zu den Kirchenmusiken zur Hand nahmen und darauf kaum einige Töne hervorbringen konnten, wurde dann auch öfters „umgeworfen“ und es atmeten sowohl die Mitwirkenden als auch die Zuhörer förmlich auf, wenn ein solches Tonstück durchgewürgt und alle Sänger, Geiger, und Bläser, gemeinschaftlich aufhörten.

In Salzungen waren die Bedingungen nicht besser. 1832 drand von dort die Kunde nach Meiningen, dass sich die Musik infolge einer veralteten Chorverfassung in einem kläglichen Zustand befinde. Das Kirchen- und Schulenamt antwortete zwar, dass das Musikchor von Stadtmusikus Michel zu Kirchenmusiken zu gebrauchen sei, dass aber die Liebensteiner und Steinbacher Musikanten besser seien. Somit wurde Michel 1833 aufgefordert, bessere Musik zu erzielen und vor allem junge Leute für den Gesang auszubilden. Doch acht Jahre später mußte das Salzunger Amt abermals einräumen, dass sich Vokal- und Instrumentalmusik in Salzungen seit längerer Zeit in kläglichem Zustand befände und der Stadtmusikus mit seinen geborgten Leuten ein jämmerliches Chor bilde. Überall im Herzogtum mühte man sich zwar redlich, durch gut gemeinte Vorschläge Abhilfe zu schaffen. Es blieben ohnmächtige Appelle, weil sie nicht dazu dienten, neue Strukturen aufzubauen.

Zu den Versuchen, die Verhältnisse hier vor Ort zu bessern, gehörte auch, dass der Salzunger Superintendent Gleichmann im Jahre 1843 einen jungen zwanzigjährigen Mann zum Elementarlehrer an die Salzunger Bürgerschule berief und bei der Wahl Ihrer Person ist … noch hauptsächlich mit darauf gerechnet, daß es Ihnen Freude machen würde, Ihre musikalischen Kenntnisse und Fertigkeit… zur Förderung und Hebung der Musik in hiesigem Orte mit den Bemühungen Andrer zu vereinigen.

Die Rede ist von Bernhard Müller (1824-1883), dem diese Fähigkeiten von Haus aus in die Wiege gelegt waren. Er stammte aus Sonneberg und war im Coburgischen als Hauslehrer tätig. Dem Lehrerseminar zu Hildburghausen verdankte er eine fundierte Ausbildung, insbesondere für Chor- und Sologesang. Seine Erwartungen an ein blühendes Musikleben in Salzungen wurden nach seiner Ankunft schnell getrübt, denn zu Ostern 1844 klagte er seinen Eltern: Über Musik möchte ich eher schweigen als reden; es steht damit sehr schlecht hier…, es fehlt der Sinn dafür…, die Musikstunden würden schlecht bezahlt, das sei hier Lumperei gegen Coburg. Der Kantor Oppel sei der erste Egoist, der einen mit großer Feindschaft verfolgen würde, wenn man etwas in Bezug auf Musik vornähme. Dieser habe schon mit jedem Lehrer Händel gehabt. Freundschaftlich bekannt geworden sei er hingegen mit dem jungen Organisten Schleder, den er gelegentlich vertrete.

Erst 1851 nahm Bernhard Müllers Schicksal eine glückliche Wende, als er das frei gewordene Kantorat der Stadtkirche zugesprochen bekam. Von Kantor Oppel übernahm er immerhin einen Kirchenchor, der aus 20 Herren und 40 Knaben bestand. Die erste und für Bernhard Müller wichtigste Maßnahme war die Einführung eines Gesangsunterrichts nach Noten. In mühevoller Kleinarbeit, mit Geduld und einem begnadeten Geschick, die Kinder für die schwer verständliche alte Chormusik zu begeistern, baute er sein Fundament. Wöchentlich hielt er zwei Einzelproben für jede Stimmgattung sowie eine Gesamtprobe ab, fünf Stunden insgesamt.

Im gleichen Jahr 1851 erhielt er übrigens tatkräftige Unterstützung durch den schon erwähnten Leonhardt Mühlfeld (1819-1876), dem er durch eine positive Beurteilung zur Stelle als Leiter der Stadtpfeiferei verholfen hatte.  Ihrer beider Arbeit trug bald Früchte, die auch das Meininger Tageblatt registrierte, indem es im Januar 1859 berichtete, daß man in Salzungen bestrebt sei, die kirchliche Vokal- und Instrumentalmusik zu bessern… Jetzt sei diese durch die Bemühungen des geist- und gemütreichen Kantors Bernhard Müller und des wackern Musikdirektors Leonhardt Mühlfeld auf eine Höhe gekommen, die auch urteilsfähige Kunstrichter befriedige. Man höre herrliche Wechselgesänge im Gottesdienst und ergreifende Kirchenmusiken.

Die eigentliche Sternstunde für Bernhard Müller sollte aber erst im Herbst 1860 schlagen. Im Sommer jenen Jahres hielt sich der Erbprinz Georg mit Familie wegen seines erkrankten Sohnes in Salzungen auf. Er besuchte dort den Gottesdienst und hörte die Chorgesänge. Als der Chor wenige Tage später der Gattin Georgs ein Geburtstagsständchen darbrachte, festigte sich sein günstiger Eindruck von Bernhard Müller und dessen Ensemble. Er ermunterte ihn, in Salzungen ein Konzert zu geben. Der Kantor bekam dafür Noten von ihm übersandt, und am 18. November 1860 fand das Konzert unter Anwesenheit Georgs in der Salzunger Stadtkirche statt. Das war jenes Konzert, über das am 21. November im Meininger Tageblatt die zu Beginn dieses Beitrags zitierte Besprechung erschienen war: Wer neulich das leise Anklingen…, das wie im Hauch hinsterbende Verklingen gehört hat, wird uns darin beistimmen… Wohllaut, Fülle und Reinheit des Tones sind mit einer Präcision gepaart, die namentlich in dem rhythmisch so schwierigen Kyrie von Palästrina und in der fünfstimmigen Bach’schen Motette große Anerkennung verdiente. usw. –

Trotz dieses herausragenden Lobes dürfte keinem der Mitwirkenden und keinem der Anwesenden damals bewußt geworden sein, dass dieses Kirchenkonzert eine Sternstunde für die Kirchenmusik in Salzungen, im Herzogtum Sachsen-Meiningen und weit darüber hinaus bedeutete, außer einem, der mit genialem Instinkt und dank seiner internationalen Kunsterfahrungen die Gunst der Stunde erkannte.  Er, Erbprinz Georg,  hatte mit der Anregung zu dem Konzert und dessen inhaltlicher Ausgestaltung, und Bernhard Müller hatte durch seine grundsolide Vorarbeit an diesem 18. November die  n e u e  kirchenmusikalische Institution geschaffen. Sie hatten die dem Bürgergeist entsprungene Konzertform in die Kirche geholt und unter Beweis gestellt, dass geistliche Erhebung und würdevolle Andacht in dieser Form möglich sind. Und sie haben mit der Gründung dieses Salzunger Kirchenchores, d. h. mit der neuen Organisationsform dieses Ensembles, den Kirchen einen Weg aus ihrer musikalischen Krise gewiesen. Am 10. Dezember 1860, also zwei Tage vor dem eigentlichen Gründungskonzert in Meiningen, hatte Erbprinz Georg an Müller geschrieben: Ich bezwecke mit Ihrem Concerte eine großartige Propaganda für Wahrung des Kirchengesang’s. Wenn eine große Anzahl Lehrer und angehende Lehrer, sowie Schüler hört, was geleistet werden kann, mit denselben Mitteln, wie sie überall im Lande vorhanden sind, so dürfte doch erreichbar sein, daß Mancher sich an die Brust schlägt u. zur Erkenntniß kommt.

W i e  der Erbprinz dieses Konzert vorbereitete, zeigt seine großartige strategische Begabung. Ich hoffe, daß die Kirche gestopft voll wird. An Ankündigung fehlte es nicht; nach den längs der Eisenbahn liegenden Ortschaften, an die daselbst wohnenden Geistlichen u. Lehrer, Honoratioren und in die Gasthäuser wurden über 200 Textbücher verschickt, sowie große Anschlagzettel nach Hildburghausen, Themar, Wasungen und den nächsten Dörfern. Auch wurde die Bekanntmachung in all unsre Blätter gerückt. Außerdem hatte er sich von Bernhard Müller Notenabschriften vermutlich von den beiden Palästrina-Stücken „O bone Jesu“ und dem Kyrie anfertigen lassen. Das begründete er ihm so: Ich ließ hier die Stimmen austheilen,  und gab sie den 2 ersten Singvereinen hier, damit dieselben zu richtigem Verständniß   I h r e r   Leistungen vor dem Concerte durchgegangen, resp. gesungen werden. Letzteres wird die Schwierigkeiten ad oculos demonstrieren. – Nebenbei  bemerkt hatte Georg auch an das leibliche Wohl der Sänger gedacht und sie vor dem Konzert zu einem Imbiß in den Sächsischen Hof eingeladen. Ich denke Warmbier wäre da nicht übel. Paßen Sie aber auf, daß keiner der Knaben davon duselich wird, lautete sein fürsorglicher Rat. Zu diesen Sängerknaben gehörte damals auch der elfjährige Christian Mühlfeld.

Nach dem Konzert bedankte sich Erbprinz Georg mit einem Brief bei Bernhard Müller: Es drängt mich nochmals meinen allerinnigsten Dank Ihnen und den Salzunger Sängern auszudrücken für den Hochgenuß, den Sie gestern hier uns Allen, die wir das Glück hatten, Ihre Gesänge zu vernehmen, bereitet haben. Nachdem Sie gestern Abend im Schlosse gesungen hatten, hätte ich Ihnen gerne meinen Dank zu verstehen gegeben, ich war aber durch das Gehörte so ergriffen, daß ich nicht sprechen konnte. … Sie können daraus entnehmen, welchen Grad der Vollkommenheit Ihr Gesang erreichte und wie seeleneindringend die Kompositionen sind, die Sie vortrugen. Ich kann mich kaum erinnern, von Musik je in dem Grade erregt und bewegt worden zu sein.

Dass dieses Konzert vom 12. Dezember 1860 von 2000 Menschen aus der Region nicht nur als Kunstgenuß, sondern als Herzenserquickung, eine Geisteserhebung, eine Seelen-Veredlung und –Stärkung empfunden wurde, wie uns der Rezensent überliefert, erhellt die Dimension seiner Bedeutung. Es wurde und wird zu Recht als das Gründungsdatum des Salzunger Kirchenchores angesehen.

Der Erbprinz hatte diesem Konzert aber darüber hinaus noch eine ganz andere, musikgeschichtlich interessante Dimension verliehen: Er hatte das erste sogenannte ‚historische Konzert‘ im Herzogtum initiiert. Das ‚historische Konzert‘ ist eine musikalische Äußerungsform des Historismus. Der hier mehrfach angesprochene bürgerliche Geist hatte ihn hervorgebracht als Angriff auf den absolutistischen Traditionalismus. Mit Historismus ist jenes erstmals erwachende und sich ausdehnende Bewußtsein für Geschichte, das Erwachen des Sinnes für Individualität und Entwicklung in der Geschichte gemeint, die Entstehung eines Bewußtseins für die Kunst  v e r g a n g e n e r  Epochen und deren Wertbeständigkeit weit über diese Epochen hinaus. Diese Entwicklung ist als eine der größten geistigen Revolutionen zu werten, die das Abendland erlebt hat.  E i n  Resultat dieser Entwicklung hat die Musikpraxis insofern reformiert, als wir bis heute Konzertprogramme bevorzugen, die Werke mehrerer Stilepochen beinhalten. Wegbereiter dafür war das ‚historische Konzert‘, dessen Programm nach Möglichkeit die Aufeinanderfolge der Werke nach ihrer Entstehungszeit zu berücksichtigen hatte. Damit sollte erreicht werden, dass der Hörer die Entwicklung der Tonsprache durch die Jahrhunderte verfolgen konnte. Genau danach war auch das Programm des Gründungskonzertes ausgerichtet.

Nach diesem ersten enormen Öffentlichkeitserfolg begann jedoch erst die eigentliche Einflußnahme des Erbprinzen auf die weitere Entwicklung des Salzunger Kirchenchores. Zunächst sorgte er für die Qualifizierung seines Leiters, der, so seine Meinung,  mindestens einmal im Jahre – auf Kosten Georgs natürlich – auf Reisen gehen müsse, um andere Chöre, Dirigenten, Arbeitsweisen kennenzulernen.  Die erste Station sollte Franz Liszt in Weimar sein: Könnten Sie ihn spielen hören, wäre es für Sie unschätzbar… Ein so außerordentliches Spiel können Sie nie wieder hören. Sodann sollte Müller den führenden deutschen Kirchenchor, den Domchor zu Berlin kennenlernen. In Berlin müsse er Schauspielvorstellungen, das Atelier von Peter Cornelius sowie die größte Musikaliensammlung im Neuen Museum besuchen und nach Möglichkeit Abschriften alter Gesänge mitbringen. In den Folgejahren dehnte Georg die Reiseziele für Müllers Studien bis nach München, in die Schweiz und bis nach Rom aus, wo er den Sixtinischen Kapellchor kennenlernen sollte.

Nach Bernhard Müllers Rückkehr aus Berlin im Frühjahr 1861 entwarf Georg sofort eine Konzeption für die Weiterentwicklung des Chores. Über das Ziel und den Weg dahin bestand zwischen ihm und Bernhard Müller völlige Klarheit. Zunächst wurde der Chorverein gegründet. Georg verpflichtete sich – übrigens bis an sein Lebensende – den Chor aus seiner Tasche finanziell zu unterstützen, sogar jedes Chormitglied quasi zu entlohnen, damit, so seine Begründung, damit sie sich ohne pekuniäre Einbußen dem Anliegen widmen können. Damit verband er allerdings die Forderung, dass seine Unterstützung nur der Hebung des Kirchengesangs, nicht der Profanmusik gelte. Es ist von Wichtigkeit, daß der Chorgesang, den die Gemeinde hört, von solchen componiert sei, … deren Compositionen man durchhört, daß sie ganze, feste Charaktere sind.  Demzufolge lag ihm auch die ethische und charakterliche Beschaffenheit der Chormitglieder, insbesondere der Knaben, am Herzen. Er meinte, es müsse für die Kinder ganz gewiß moralisch nur heilsam sein, mit ganzer Hingebung und Aufbringung von sittlicher Kraft an der Darstellung gediegener Compositionen Theil zu nehmen. Die edle Musik veredelt… und die Kinder lernen…, wie man es anpacken muß, um gemeinschaftlich Tüchtiges und Großes zu leisten. Und Bernhard Müller formulierte seinen Part dabei 1864 an den Erbprinzen so: Der Dirigent des Chors muß vor allem die Fähigkeit besitzen, in den Geist der Musik einzudringen Denn nur der Geist macht lebendig. Die neuere Musik, namentlich das Virtuosentum, hat in der Überwindung aller technischen Schwierigkeiten… das Heil gesucht, dabei aber das   W e s e n  der heiligen Tonkunst außer Acht gesetzt. Diesem Ziel diente z. B., dass Georg den Chor mehrmals zu Theateraufführungen nach Meiningen einlud. So übrigens auch am Abend nach dem Gründungskonzert, da stand Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ im Spielplan.

Georg unterstützte die Arbeit Müllers nach allen Seiten hin. Er übermittelte ihm Noten, empfahl Bücher, z. B. über den gregorianischen Gesang, regte ihn an, zu Ostern Choräle aus Bachs Passionen einzustudieren, er machte Vorschläge für die Konzertprogramme ebenso wie zum Ausbildungs- und Erziehungsprogramm des Chores. Dabei sparte er nicht mit sachlich-kritischen Anmerkungen.

Seine weitere Fürsorge galt dem äußeren Erscheinungsbild des Chores. Er entwarf eine Chorkleidung, lieferte detaillierte Entwürfe, bestellte Stoffe, empfahl Schneider und Händler, berechnete die Preise, sorgte dafür, dass wenig bemittelten Choristen seine Unterstützung zuteil wurde. Derartig ausstaffiert, präsentierten sich die Sänger zum ersten Mal zur Einweihung des Luther-Denkmals in Möhra am 25. Juni 1861. Durch die anwesenden führenden Kirchenvertreter von weither drang die Kunde von der Leistungsstärke der Salzunger erstmals über die Landesgrenzen Sachsen-Meiningens hinaus.

Damit war der Weg geebnet zur letzten Etappe des gemeinsamen Reformwerks: Der Salzunger Kirchenchor sollte ein  R e i s e – E n s e m b l e werden und für die meisterliche Interpretation anspruchsvoller geistlicher Vokalkunst missionieren. Zu Pfingsten 1862 brachen die Sänger zu ihrer ersten Konzertreise in das Meininger Oberland nach Hildburghausen, Eisfeld, Sonneberg und Coburg auf. So auch im Folgejahr. Damit dürfte dieses Ensemble der erste Kirchenchor überhaupt gewesen sein, der sich, dank des inzwischen vorhandenen Eisenbahnnetzes auf Konzertreisen begab. 1864 führte sie ihre Mission dann schon nach Gotha, Weimar, Jena, Camburg. Diese Reisen wurden schließlich zur alljährlichen Tradition. Immer weiter zog der Chor seine Kreise durch Thüringen, bis 1869 sogar Einladungen nach Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg eintrafen.

Wenn auch das Eisenbahnnetz genutzt werden konnte, waren derartige Reisen mit bedeutenden Kosten für Fahrt, Verpflegung, Unterbringung und mit enormem organisatorischem Aufwand verbunden. Auf Bernhard Müller und den erwachsenen Chormitgliedern lastete außerdem die große Verantwortung für die Knaben. Über das Konzert in Nürnberg 1869 teilt uns Christian Mühlfeld folgenden Bericht aus dem „Fränkischen Kurier“ mit: Die weiten Räume der Lorenzkirche waren kaum fähig, die Hörer zu fassen; Kopf an Kopf standen sie in allen Gängen, allen Ecken. Voll hoher Erwartung waren sie alle gekommen…. Es war ein wundervoller Gesang, der die Räume der Kirche durchwogte, ein Gesang so lieblich, engelsmild, und dann wieder so ernst, so erhaben… Diese glockenhellen, metallreichen Knabenstimmen, diese markigen, klangvollen Männerstimmen, und diese Stimmen alle so biegsam und weich  und alle von einem Impuls getrieben und gelenkt, wirkten ergreifend. Es war, als ob der Chor von  e i n e r  Seele belebt würde…, bald im leisesten Piano kaum atmend, dann bis zum stärksten Forte anschwellend, dabei aber immer voll Maß und heiliger Schönheit.

Nicht jeder auswärtige Konzertauftritt war künstlerisch und finanziell derart erfolgreich. Es gab auch Rückschläge und Tadel. Dennoch wurde der Reiseradius für die Salzunger Missionare immer größer. Bis nach Stuttgart, Regensburg, Augsburg, Worms führte sie der Weg. Als Bernhard Müller 1883 starb, hatten seine Sänger in 48 Orten 133 Konzerte gegeben, sogar mit einem finanziellen Überschuß, welcher mildtätigen Zwecken zugeführt wurde.

1866, nach dem Regierungsantritt Georgs II., hatte er Bernhard Müller zum Kirchenmusikdirektor ernannt und im Jahr darauf eine neue Stelle für ihn geschaffen, die ihn verpflichtete, an der Salzunger Bürgerschule nur noch Gesangsunterricht zu erteilen und den Kirchenchor zu leiten. Ansonsten sollte er die vielfach im Herzogtum entstandenen Kirchenchöre fachlich und methodisch anleiten. Dazu verfaßte er eine Reihe von theoretischen Schriften und praktischen Notenausgaben. Seine Pionierarbeit begann im Herzogtum reiche Früchte zu tragen. Sie strahlte sogar auf die profanen Gesangvereine aus.        

Doch auch außerhalb seiner Heimat hatte die Entwicklung des Kirchenmusikwesens an Dynamik gewonnen. Der Historismus, und in seinem Schlepptau die theoretischen wie praktischen Auseinandersetzungen mit dem Palästrinastil  und dem Cäcilianismus haben befruchtend auf die Entstehung der neuen kirchenmusikalischen Strukturen und Institutionen gewirkt.  E i n  Ergebnis dieses Prozesses war die Gründung des evangelischen Kirchengesangvereins in Deutschland. Welchen Anteil der Salzunger Kirchenchor in diesem Räderwerk spielte, faßte der Vorsitzende und Gründer dieses Vereins, der Geh. Staatsrat Professor Hallwachs, 1885 in einem Brief an Christian Mühlfeld dem Nachfolger Bernhard Müllers, zusammen, nachdem sich sein Chor zum Beitritt entschlossen hatte: Dem Salzunger Kirchenchor und seinem unvergeßlichen Dirigenten haben wir ja die erste Anregung zu unserm Vorgehen in der Kirchengesangvereinssache zu danken.

Zusammenfassend ist festzustellen: Der Erbprinz Georg erkannte im Jahre 1860 in Bernhard Müller den befähigten Partner, mit dem er den Salzunger Kirchenchor, ein Laien-Ensemble, qualifizieren und profilieren konnte, um durchgreifende Reformen in der vokalen Kirchenmusikpflege, die sich an europäischen Spitzenleistungen auf diesem Gebiet orientierten, in Angriff zu nehmen. Nachdem das notwendige hohe Interpretationsniveau des Chores erreicht und die neuen Impulse auch in der Kirchenchorbewegung des Herzogtums Früchte trugen, begann der Salzunger Kirchenchor seine Missionsreisen durch Deutschland.

Dieses Reform- und  Missionswerk trug zum ersten Mal die Handschrift der ‚Meininger Prinzipien‘, jener Grundlage für die Meininger Schauspiel- und Orchesterreform der 70er bzw. 80er Jahre. Georgs erstes Reform-Ensemble hat darüber hinaus in hohem Maße Martin Luthers Bekenntnis zur Musik nicht nur erfüllt, sondern wieder in das Bewußtsein der evangelischen Würdenträger und Gemeinden Deutschlands getragen, das da lautet: Musica habe ich allzeit lieb gehabt… Musica ist eine halbe Disziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht. Singen ist die beste Kunst und Übung. Wer diese Kunst kann, der ist guter Art, zu allem geschickt; es ist kein Zweifel, es steckt der Same vieler guten Tugenden in solchen Gemütern, die der Musik ergeben sind! Ich halte gänzlich dafür und schäme mich auch nicht zu bejahen, dass nach der Theologie keine Kunst sei, welche mit der Musik zu vergleichen sei.

 

Benutzte Quellen und Literatur

Briefe von Georg II. von Sachsen-Meiningen an Bernhard Müller, Originale in der Sammlung Meininger Musikgeschichte/Max-Reger-Archiv der Meininger Museen

Mühlfeld, Christian; Das Kirchenchorwesen im Herzogtum S.-Meiningen mit besonderer Berücksichtigung des Salzunger Kirchenchors. Gadow, Hildburghausen, 1908

Dahlhaus, Carl; die Musik des 19. Jahrhunderts, Bd. 6 von Neues Handbuch der Musikwissenschaft, 2. Aufl.. Laaber-Verlag Laaber, 1989

Thibaut, Anton Friedrich Justus, Über Reinheit der Tonkunst, 4. verm. Aufl.. Akad. Verlagshandlung, Heidelberg 1861

Artikel ‚Cäcilianismus‘ in MGG, Allgemeine Enzyklopädie der Musik, Sachteil 2. Bärenreiter / Metzler, Kassel… 1995

‚Meininger Tageblatt‘, div. zeitgenössische Artikel